Pass auf, was du schreibst in: „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ von Mechthild Gläser

Dann und wann kann man immer mal eine gute Internatsgeschichte lesen. Denn so unterschiedlich wie sie auch sein mögen, haben doch alle Internatsgeschichten von „Hanni und Nanni“ bis „Harry Potter“ alle eine Gemeinsamkeit: Sie spielen in einem kleinen abgeriegelten Kosmos mit einer überschaubaren Zahl an Personal und an einem einzigen Ort, abgetrennt vom Rest der Welt. Das ist natürlich ein tolles Setting für eine Geschichte fern Zeit und Raum, am besten gemischt mit einer Prise Spannung.

Genau diese Zutaten macht sich auch Mechthild Gläser in ihrem Roman „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ zu eigen, kombiniert sie sorgfältig und durchmischt sie magischen Elementen.

Emma ist sechzehn Jahre alt und Schülerin auf dem Internat Stolzenburg am Rhein, einer Schule für die Sprösslingen der reichen und eleganten. Emmas Vater, ein notorischer Hypochonder, ist Leiter der Schule. Für Emma gibt es keine schönere Schule auf der Welt und freut sie sich schon darauf sie noch ein wenig schöner zu machen, indem sie die ungenutzte Bibliothek im Westflügel für sich und ihre Freundinnen umbaut. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Charlotte, einer gebürtigen Britin und ihrer neuen Zimmernachbarin Hannah, will Emma den Bücherclub „Westbooks“ gründen.

Bei ihren Aufräumarbeiten entdecken die Mädchen ein unverrückbares Regal in der Bibliothek. Emma untersucht das Möbelstück und findet darin ein Geheimfach und in dem Fach ein Buch. Eine Chronik, in der seit dem 17. Jahrhundert die Geschicke rund um Stolzenburg und den angrenzenden Ort dokumentiert wurden. Emma findet Gefallen an der Sache und reiht sich in die Riege der Chronisten ein.

Doch irgendetwas stimmt nicht mit dem Buch. Nachdem Emma einen Kuss zwischen einem Lehrer und einer Frau aus dem Kantinenpersonal angedeutet hat, geschieht dieser wirklich. Zufall? Emma macht einen Test und siehe da, die Chronik hat ein Geheimnis: Statt zu dokumentieren was passiert ist, lässt sie die Dinge erst wahr werden. Aber was zunächst wie ein toller Spaß klingt, wird bald bitterer Ernst, denn die Chronik ist unberechenbar und was einmal darin steht kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.   

Kann das wirklich Magie sein? Und wenn ja, kann auch der märchenhafte Faun vom Deckel der Chronik existieren? Und kann die Chronik helfen, das Verschwinden um die Schülerin Gina de Winter von vor vieren Jahren helfen?

Unerwartete Hilfe bekommt Emma von Gins Bruder Darcy de Winter, der vielleicht gar nicht so eitel ist, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag …

Mit ihrem vierten Roman erfindet Mechthild Gläser nicht das Rad neu, aber das muss sie auch nicht. Klar, die Elemente kennt man. Schnöseliger Schönling kommt neu an eine Schule und Heldin kann ihn gar nicht leiden. Man ahnt wohin das führen wird. Erste Liebe der Heldin bändelt mit Schulzicke an und ist etwas zu sehr an Ginas Verschwinden interessiert. Auch bekannt. Und auch der Topos der magischen Bücher ist neu erwärmte Suppe. Aber es kommt darauf an, diese Elemente interessant miteinander zu verweben und wenn das gelingt, kann man sich auch mit bekanntem neu anfreunden.

Deshalb hat „Emma, der Faun und …“ seinen ganz eigenen Charme. Schon in ihrer Debüt Duologie „Stadt aus Trug und Schatten“ und „Nacht aus Rauch und Nebel“ sickerte das magische in die reale Welt, damals in Form von einer Traumstadt. In „Die Buchspringer“ drehte sich alles um ein Mädchen mit der Gabe in Romane zu springen und durch die Welt der literarischen Figuren zu stromern.

Emmas Geschichte nutzt den selben Mechanismus, tritt aber wieder einen Schritt zurück. Die Welt ist die unsere, doch das magische Buch lässt märchenhaftes wahr werden. Beschränkt jedoch auf die Stolzenburg und das angrenzende Dörfchen. Da wird es leider nichts damit, den Weltfrieden herbei zu schreiben. Wobei diese Regel später ein wenig gelockert wird: Figuren können sich selbst etwa fortschreiben und dann von der Macht des Buches meilenweit fort von der Burg noch immer gebunden sein. Andererseits ist bereits die Entstehungsgeschichte des Buches nichts anderes als magisch. Existiert also auch ohne das Buch Magie in Emmas Welt?

Für die Handlung ist das keine relevante Frage. Viel lieber sollte man sich in Emmas Welt versinken lassen und auch die kleinen Logiklücken einfach mal gekonnt ignorieren. Das funktioniert auch wunderbar. Dann macht die Geschichte richtig Spaß. Emma ist eine interessante Protagonistin. Clever, engagiert, aber nicht fehlerlos. Gerne ist sie mal etwas zu übereifrig oder zieht voreilige Schlüsse. Dennoch kann man sich leicht mit ihr anfreunden. Ein Glück, denn sie erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht.

Darcy ist dagegen etwas flacher geraten. Natürlich verbirgt er ein gutes Herz unter seiner eiskalten Fassade und man ahnt, wer es knacken wird … Aber da sind ja auch noch die Nebenfiguren, wie Emmas bereits erwähnter Vater, seines Zeichen Schulleiter und Hypochonder, Emmas Freundin Charlotte und Darcys Freund Toby (klingeling) und ein paar Leute mit doppelten Gesichtern …

Gläsers Sprache ist leicht und für eine sechzehnjährige durchaus passend.  Manche Szenen hätten besonders zu Beginn, etwa kürzer sein können. Doch insgesamt ist der Handlungsfluss durchaus passend und schreitet rasch, aber nicht zu gehetzt voran. Neben einigen spannenden Szenen und etwas Action gen Ende, findet sich auch einiges an romantischem Material, ganz passenden zum Setting. Da haben wir eine Party, einen Ball, Ausflüge in den Wald und in geheime Keller. Daneben gibt es aber auch ein wenig Slapstick und Komik, was für das Genre der Internatsgeschichten und  romantischen Liebesgeschichten für Mädchen durchaus üblich ist. Zum Glück gelingt es Gläser jedoch, die vielen Clichéfallen (manchmal gerade so) zu umschiffen. Das Ende hält noch einmal eine paar kleine Überraschungen bereit und schließt die Sache sauber ab.  

Literaturfans können sich weiter über Anspielungen auf verschiedene Werk aus dem klassischen Kanon freuen, wie etwa Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Ganz offensichtlich teilen sich Darcy de Winter und Mr. Darcy einen Namen, aber es gibt noch subtilere Verweise, die zu finden Freude bereitet.

Für ihre Debüt Douologie konnte Gläser mich nicht gewinnen, „die Buchspringer“ hingegen hat mir sehr gut gefallen. „Emma, der Faun …“ rangiert dazwischen. Nicht so gut wie sein direkter Vorgänger, aber besser als die beiden davor. Hier schreibt eine junge Autorin mit viel Potential, die sich noch ausprobiert. Aktuell ist ihr neuer Band „Bernsteinstaub“ erschienen. Ich werde auf jeden Fall zugreifen.

Eine schöne Lektüre, wenn man sich einfach einmal in eine leichte und kurzweilige Lektüre fallen lassen möchte. So etwas sollte es wieder des Öfteren geben. Ach ja, und das Cover macht sich auch ganz gut im bunten Bücherregal.

 

3 ½ von 5 Papierlibellen

 

Allgemeine Angaben:

Titel: „Emma, der Faun und das vergessene Buch“

Autorin: Mechthild Gläser

Verlag: Loewe

Ersterscheinungsjahr: 2017

 

 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s