Einblicke in die georgische Seele in „Bittere Bonbons. Georgische Geschichten“, herausgegeben von Rachel Gratzfeld

Dieses Jahr ist Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Eine gute Gelegenheit einmal einen Blick auf den dortigen Buchmarkt zu werfen und dabei vielleicht auch mehr über dieses Land „hinter neun Bergen und neun Meeren“ zu werfen.  Auf meiner persönlichen Literaturweltkarte fand Georgien bisher keine große Aufmerksamkeit. Dabei hat das Land eine überaus bewegte und spannende Geschichte nach vielen Jahren als Teil der Sowjetunion, Bürgerkriegsjahren, Unabhängigkeitsbewegungen und Krieg mit Russland.  Hinzu kommt eine einzigartige Sprache, die hochkomplex und nicht der indogermanischen Sprachgruppe angehörend, so anders ist als die unsere. Und auch noch ein eigenes Schriftsystem benutzt. Dies hat auch Folgen für die Literatur. So etwa gibt es keinen Genus, weshalb oftmals lange unklar bleibt, wer die handelnden Figuren sind.

Und auch sonst hat sich hier eine eigene Literaturszene mit ihren Besonderheiten entwickelt. Erzählt wird meist nicht linear, sondern in Rückblenden und zeitlichen Schleifen, die Realität und Phantasie oftmals miteinander verschwimmen lassen.

In dem Sammelband „Bittere Bonbons“ sind nun 13 junge georgische Autorinnen versammelt. Zwischen 1968 und 1991 geboren, haben sie eine ganz eigene Sprache und Sicht auf ihr Land entwickelt. Einige von ihnen sind bereits mit Titeln auch auf dem deutschen Buchmarkt vertreten, anderen werden erst jetzt übersetzt.  

In 14 Geschichten (eine der Frauen ist mit zwei Titeln vertreten), entführt der Sammelband nach Georgien und ermöglicht dem Leser einen kleinen Einblick in dieses Land, das ganz anders und doch gar nicht so anders ist als etwa Deutschland. Jede der Geschichten ist dabei anders als die darauf folgenden oder die vorangegangenen. Stadt und Land werden hier behandelt, Realität und Fantasie, Kindheit und Erwachsenenalter, Gegenwart und Vergangenheit, Männer und Frauen, Armut und Reichtum, Familie und Individuum. In vielen Texten spielt auch Natur eine Rolle und die Frage nach Heimat. Die Themen sind vielfältig, der Blick auf sie frisch durch die Augen einer neuen Generation von Schriftstellerinnen, die ihre Stellung auf dem Markt erkämpfen.  

Dabei entwickeln sich Szenarien die oftmals nicht klar zu deuten sind, wie etwa die titelgebende Geschichte „Bittere Bonbons“. Auf einer Ebene bricht hier eine Frau auf einem Markt vor einem Erdbeerstand zusammen, wird vor Ort ärztlich behandelt und fährt dann im Taxi heim. Sie hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann, der ein kleines Kind hat. Dieser Umstand erinnert sie an ihre eigene Familie und die Konsequenzen der Affäre ihres Vaters auf das Zusammenleben mit den Eltern. Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander über, vermischen sich und sind nicht immer klar zu trennen. Wer wird hier gerade wiederbelebt, die Frau oder ihre Mutter nach deren Autounfall? Oder gab es gar keinen Autounfall? Was hat es mit den zu engen Schuhen des Mädchens auf sich?

Ebenso unklar, jedoch auf eine andere Art, bleibt die Geschichte „Im Erlenwäldchen am Flussufer“. Ist hier eine Vergewaltigung die Folge des Traumas der Erzählerin oder eine missglückte Liebesbeziehung zu einem Mann, der eine andere zur Frau nimmt? Erst spät wird klar, dass die Erzählerin eine bereits eine alte Frau ist, die sich auf Grund ihrer traumatischen Vergangenheit weigert erwachsen zu werden und noch immer die Schulbank drückt.

Klarer scheint hingegen die Geschichte „Die Kindheit wie sie wirklich war“ über eine Schülerin, die als Außenseiterin in ihrer Klasse mit sich selbst, ihrem Umfeld und ihren Gefühlen kämpft, bis eine neue Klassenkameradin in ihrer Bank sitzt. Doch auch hier bleiben Fragen, bleiben Dinge offen.

Es lohnt sich deshalb viele, wenn nicht gar alle, dieser Geschichten mehrmals zu lesen. Das Format der Kurzgeschichten oder Textausschnitte eignet sich hier wunderbar, um den Band nach dem ersten Lesen erst einmal wegzulegen und über das eben Erfahrene nachzudenken. Denn diese Geschichten lassen sich nicht einfach schnell weglesen, hier wird dem Leser teils harte und verstörende Kost vorgelegt. Und die braucht Zeit um über sie zu reflektieren, zu sprechen und sie wirken zu lassen. Hilfreich ist hierzu die Anmerkung im Anschluss an die Texte. In wenigen Sätzen fasst die Herausgeberin die Besonderheiten jedes Textes kurz und prägnant zusammen und bietet Deutungsmöglichkeiten, die  bei den eigenen Gedanken über die Geschichten helfen können. In klare Abschnitte unterteilt, die jeweils mit dem Namen der Verfasserin beginnen und in der Reihenfolge der Texte sortiert sind, lassen sich die entsprechenden Stellen schnell finden. So muss man nicht immer die ganze Anmerkung lesen und sich dadurch eventuell die Spannung für andere Texte nehmen lassen.

Bildgewaltig und selbstbewusst präsentieren die jungen Frauen Georgien, so wie sie es sehen. Sie brechen mit Tabus, weisen auf Missstände hin, äußern Wünsche und nehmen kein Blatt vor den Mund. Kurze Biografien zu jeder Autorin lassen mehr über sie und ihr Werk erfahren.

Das ist zum Teil wirklich bittere Kost, doch eine die sich lohnt. Denn wenn der bittere Geschmack erst einmal verschwunden ist, bleibt Raum für einen neuen. „Bittere Bonbons“ ist ein Titel, den zu lesen sich lohnt und zu dem man immer wieder greifen kann, auch wenn man ihn mal ganz durchgelesen hat. Das macht Lust auf weitere Literatur aus Georgien und von diesen Frauen.

Und bis dahin kann man sich an dem wunderschönen Cover mit seinen Erdbeerranken aus der Feder von Kathleen Bernsdorf erfreuen.

 

Wertung: 4 ½ von 5 Karamellbonbons mit Erdbeerfüllung

 

Allgemeine Angaben:

Titel: Bittere Bonbons. Georgische Geschichten.

Herausgeberin:  Rachel Gratzfeld

Verlag: editionfünf

Ersterscheinungsjahr: 2018

 

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