Liebe stationäre Buchhandlung – das hier ist für dich!

Mark Forsyth: „Lob der guten Buchhandlung“ (Fischer, 2016)

Dies ist nicht direkt ein Beitrag zur Montagsfrage (zumal diese zu diesem Zeitpunkt schon einige Wochen alt ist), gestellt wie immer von Antonia von Lauter&Leiser. Der Gedanke einmal über lokale Buchhandlungen zu schreiben stand schon länger im Raum, aber ihre Frage hat letztlich den Anlass gegeben. Der zweite Anlass hat die Form eines kleinen Heftchens von 32 Seiten, das der Fischer Verlag im Jahr 2016 zum Welttag des Buches gratis in Buchhandlungen auslegen ließ. Der Titel: „Lob der guten Buchhandlung – Oder vom Glück das zu finden, wonach sie gar nicht gesucht haben“ von Marky Forsyth. In Form eines herrlich humorvollen und liebevollen, aber stellenweisen auch nachdenklichen Essays, hat der Autor eine Liebeserklärung an das gedruckte Buch und die gute, lokale Buchhandlung verfasst. Leider ist das Heftchen nicht mehr im deutschen Handel zu bekommen, aber wer der englischen Sprache mächtig ist, kann es für circa 2€ als E-Book erwerben (und ja, ich bin mir der Ironie bewusst, hier einen Amazon-Link einzubauen. Sie hat in dieser Situation viele Seiten …). Denn auch dieser Beitrag soll ein Lob der Buchhandlung sein – vermutlich der guten. Nur nicht in so eloquenten Worten wie Mark Forsyths verfasst …

Dies nur vorweg: Dies ist explizit kein Beitrag gegen Onlineshops oder den Kauf von Büchern im Internet. Tatsächlich hat auch diese Methode Bücher zu erwerben ihr Vorteile. Beispielsweise kann man Bücher an die entlegensten Orte liefern lassen und manchmal ist es schlicht nicht möglich in eine Buchhandlung zu gehen. Und seien wir mal ehrlich: Wohl jeder kauft heutzutage zumindest ab und an seine Lektüre im Internet. Das darf auch ruhig so bleiben! Beide Varianten haben ihr Vorteile und Nachteile – so ist das und das ist auch gut so.

Der Grund, warum es diesen Beitrag dennoch gibt ist schlicht jener, das Buchhandlungen eine jede Stadt lebendiger machen und Geschäftszeilen ohne sie traurige Orte sind. Stationäre Buchhandlungen haben es jedoch nicht leicht, so heißt es immer wieder. Internetkonzerne wie Amazon aber auch große Onlineshops wie Thalia.de stehlen Ihnen die Kundschaft mit Bequemlichkeit. Warum sich aufraffen und sein Haus verlassen, wenn man sich das neue Lesefutter auch direkt an die Haustür liefern lassen kann? Wie einfach das Leben sein kann, wenn das nächste Buch nur einen Klick entfernt ist. Und die Welt draußen ist gruselig …

Intelligente Algorithmen können blitzschnell die Kundendaten berechnen und zum nächsten tollen Buchtipp locken. Andere Kunden kauften auch. Wird oft zusammen gekauft. Zuletzt angesehen. Sie möchten das, also werden sie das lieben. Nun, warum Kunden gerne das gleiche Buch in zwei Ausgaben erstehen oder was dieser Erotikthriller mit diesem Kinderbuch gemeinsam hat kann man sich fragen, aber oftmals liegen die Einsen und Nullen ja nicht allzu weit daneben. Und so bleiben wir schön in unseren eigenen Blasen und blicken ja nie über den Tellerrand hinaus. Wie gesagt, da draußen ist es gruselig.

Es sei denn, wir wagen uns doch einmal mit Schutzhelm auf dem Kopf in die Welt und in eine Buchhandlung und treffen hier auf den ersten Punkt, den kompetente Buchhändler dem Algorithmus voraus haben: Sie locken uns aus der Komfortzone. Mit Geschick und professionellem Gespür für Geschmäcker und Menschen wagen sie neue Kombinationen außerhalb der üblichen Bestsellerlisten und aktuellen Neuerscheinungen. Gute Buchhändler leben praktisch auf dem Tellerrand.

Überraschen Sie mich, sagt der Kunde und der clevere Buchhändler erfüllt den Wunsch. Die Blase der anderen Kunden und eigenen Vorlieben platzt vielleicht nicht, aber sie wird doch größer. Buchändler empfehlen, andere Kunden empfehlen, Leser empfehlen. In der Buchhandlung kommen sie alle zusammen. Bücher werden zu Wundertüten, die mal nur ein abgelutschtes Kaugummi und mal die seltene Actionfigur enthalten, die man sich schon in der Kindheit so sehnlich gewünscht hat.

Aber die Buchhandlung kann noch mehr, zumindest die – nach Mark Forsyth – gute (also eigentlich alle). So abgedroschen es auch klingen mag, sie ist ein Ort der menschlichen Kontakt und als Rudeltiere, brauchen auch die verschrobensten Einzelgänger unter uns einmal im Jahr ein fremdes Lächeln um nicht ganz einzugehen.

Ach je, Menschen, gruselig. Keine Sorge, liebe Amöbe, in der Buchhandlung gibt es keine ungewollten Umarmungen (höchstens mal gewollte, ansonsten beschränkt sich der körperliche Kontakt auf kleine Stoßer am Bücherregal und zufälliges Streifen der Finger beim Bezahlen an der Kasse) und keinen schlechten Smalltalk über das Wetter. Hier wird über Literatur gesprochen, über Sachbücher, gelungene Cover und das geschriebene Wort an sich. Dafür gibt es aber ein freundliches Lächeln von einem Personal, das Lust hat sich selbst und seinen Kunden einen schönen Tag zu bescheren. Und wenn auch sie mal einen schlechten Tag haben – Buchhändler sind auch nur Menschen – dann kann man ihnen selbst genau diesen verschönern. Sie freuen sich über freundliche Gesichter und Worte.

Ebenso bieten Buchhandlungen oft noch das ein oder andere um den reinen Verkauf herum an. Lesecken natürlich, Lesungen, auch abseits der Wasserglaslseung, Besuchevents in der Nacht oder Kaffee und Torte im eigenen Café. Ebenso kann man sich hier die Waren in schöne Geschenkverpackungen hüllen lassen und noch das ein oder Gimmick einstecken, wie etwa schönes Papier, Notizbücher, Stifte oder eine praktische Leselampe. Kalender sind eigentlich fast immer ebenfalls vor Ort.

Im Internet kann man manchmal in die Bücher reingucken, sagen sie (die sturen Freunde des online Handels). Na und, rufen wir (die Reformer und Reformierten), da können wir nur lachen, denn im Buchladen kann man noch mehr. Man kann in Bücher hineinlesen (an jeglicher Stelle und so weit wie man will), kann sie wiegen und streicheln, kann sie hochheben und wenden, kann sie ausziehen (impertinent!) und an ihnen schnuppern. Fehlkäufe wegen falschen Cover sind ausgeschlossen, denn man muss seinen Schatz nie wieder loslassen (Bitte, ich will doch nur den Barcode scannen …). Nur wer einmal in einen solchen Laden hineingegangen ist weiß, dass Buchhandlungen zu den wissenschaftlich bewiesen Orten mit den schönsten Aromen der Welt gehören: Jenen nach frisch bedrucktem Papier.

Das man ganz nebenbei noch etwas für seine Gesundheit (jeder Gang macht schlank und Bücher formten diese Muskeln) und die Umwelt tut, wenn man selbst in ein Geschäft vor Ort geht statt sich beliefern zu lassen, muss wohl nicht erwähnt werden. Ach so, und die Kreditkarten- und sonstige Daten werden auch nicht geklaut – wie praktisch!

Zuletzt soll noch eine letzte Ode gesungen werden: Auf die Fach- und Spezialbuchhandlungen. Diese oftmals recht kleinen Läden spezialisieren sich auf ein bestimmtes Thema oder eine Idee. Es gibt Läden, die nur Bücher aus kleinen und/oder unabhängigen Verlagen anbieten, andere verkaufen nur Reiselektüre und wieder andere bieten die Buchpalette aus dem Bereich der LGBTQ+ Community an. Zahlreiche weitere Beispiele könnten diese Liste ins Unendliche strecken. Und die Ideen lohnen sich: Spezialbuchhandlungen florieren und schießen wie die Pilze aus dem Boden, denn sie können was den Kunden am PC viele, viele, viele zehrende Stunden der Suche kostet in wenigen Minuten: Eine reiche Palette an Angeboten aus genau dem gewünschten Bereich servieren. Da läuft dem Buchliebhaber wie dem Kind im Bonbonladen das Wasser im Munde zusammen.

Man kann also sagen: Die örtliche Buchhandlung kann eigentlich alles, was der Onlinekonzern so treibt. Und sollte mal ein Bändchen nicht vor Ort sein, auch die stationären Läden brauchen meist nicht mehr als drei Tage (oftmals sogar weniger), ehe sie es zur Bestellung bereitliegen haben. Ebenso können hier E-Books und Reader erstanden werden.

Also, zieht die Ganzkörperschutzanzüge an, ihr Internetpiraten und merkt euch: Lest Bücher – und kauft sie gerne auch stationär.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Liebe stationäre Buchhandlung – das hier ist für dich!

  1. maxie schreibt:

    Ich kaufe gern stationär und wenn dann auch gleich einen Stapel Hardcoverbücher. Dabei erlebe ich es immer wieder, dass die Bücher, die ich eigentlich in der Buchhandlung kaufen wollte, nicht da sind. Natürlich stoße ich dann manchmal auf andere Schätze, aber auch auf die unsäglichen Bestsellerstapel – an denen sich dann doch alle orientieren – der übliche Einheitsbrein eben – jetzt mal abgesehen von den Spezialbuchhandlungen. Da muss ich dann Annette Hess oder Heinz Strunk oder Virgenie Despentes bestellen lassen, dafür liegen turmhohe Stapel Rita Falk, Nele Neuhaus oder der unsägliche neue Band der Fifty Shades of Grey Autorin… Bitte: Mehr Wagnis!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s